Grautiger

Der Begriff „Grautiger“ beschreibt gefleckte Deutsche Doggen, die keine weiße, sondern eine graue Grundfarbe haben. Diese Farbe kommt auch bei anderen Hunderassen wie z.B. dem Australian Sheperd oder auch beim Dackel vor und wird dort als „Blue Merle“ bezeichnet. Verursacht wird die Farbe durch das Merlegen. Diese sorgt für zerrissene Flecken auf hellerem Grund (Dabei kann jede Fellfarbe aufgehellt und zerrissen werden, es gibt z.B. auch Red Merle oder Porzellantiger).

Dackel (Tigerschecke), Grautiger-Dogge und Australian Sheperd in Blue Merle

Dackel in der Farbe Tiger-Schecke, Grautiger-Dogge und Australian Sheperd in Blue Merle, alle tragen das Merle-Gen

Die Deutsche Dogge ist die einzige Hunderasse, bei der zusätzlich auch noch das Harlekin-Gen vorkommt. Es sorgt für eine weiße Grundfarbe und ist nur sichtbar, wenn das Merle-Gen auch getragen wird. D.h. dass schwarze Doggen das Harlekin-Gen „versteckt“ tragen können und es dann bei ihrer Nachzucht zusammen mit einem Merle-Träger zum Vorschein kommt.

 

 gefleckte Deutsche Dogge, sie trägt das Harlekin- und das Merle-Gen

Das Harlekin-Gen kann immer nur einmal auftreten, da es in doppelter Dosis letal ist, die Föten versterben bereits im Mutterleib. Auch das Merle-Gen ist im Grunde ein Defekt-Gen, das bei doppelter Dosis zu Taubheit, Blindheit und anderen Behinderungen führen kann. Darum ist in Deutschland bereits seit 1997 die Verpaarung von zwei Merle-Trägern (also gefleckten und/oder grauen Doggen, aber auch anderen Hunderassen mit Merle-Gen) durch das Tierschutzgesetz verboten. Auch dem Verbot durch die FCI im Jahre 2012 sind mittlerweile schon viele europäische Länder gefolgt. 

 

 zwei fast weiße Doppelmerle-Doggen, taub und sehbehindert, aus „Schwarzzucht“

Somit ist nur noch die Verpaarung von gefleckten/grauen mit schwarzen Doggen erlaubt. Bei einer Verpaarung von einer weiß-schwarz gefleckten mit einer schwarzen Dogge fallen statistisch betrachtet im Durchschnitt 50% schwarze, 25% weiß-schwarz gefleckte und 25% grau-schwarz gefleckte, also Grautiger. (Wenn der schwarze Paarungspartner das Harlekin-Gen trägt sind es 33,3% weiß-schwarz gefleckte und 16,7% grau-schwarz gefleckte, dafür ist die Wurfgröße wegen des doppelten Auftretens des Harlekin-Gens im Durchschnitt kleiner). Wenn man eine grau-schwarz gefleckte Dogge mit einer schwarzen Dogge verpaart, die das Harlekin-Gen trägt, fallen im Durchschnitt 50% schwarze, 25% weiß-schwarz gefleckte und 25% grau-schwarz gefleckte. Grautiger können in der Zucht also genau die gleiche Farbzusammensetzung bringen wie gefleckte Doggen! (Siehe auch: www.doggen.info)

 

 I-Wurf vom Hause Boss in der Schweiz, Vater: Grautiger, Mutter: schwarz

Grautiger sind also ein „unvermeidbarer“ Bestandteil der Geflecktzucht, sie können wegen der mendelschen Regeln nicht ausgemerzt werden. Selbst als noch die Verpaarung von zwei gefleckten Doggen erlaubt war fielen im Schnitt noch 16,7% Grautiger (und 25% potenziell behinderte überwiegend weiße Doppelmerle-Welpen). Dennoch haben die Züchter Jahrzehnte lang versucht, die Grautiger auszumerzen, in dem sie sie gleich nach der Geburt getötet haben. D.h. es wurden seit Beginn der planmäßigen Doggenzucht Ende des 19. Jahrhunderts tausende und abertausende gesunde Doggenwelpen umgebracht, nur weil sie eine vermeintlich „falsche“ Farbe hatten. (Leider ist diese Praxis des Ermordens von sogenannten „Fehlfarben“ auch in anderen Farbschlägen und generell in der Hundezucht bei anderen Rassen weit verbreitet). Dank des zunehmenden Widerstands von Tierschützern, Privathaltern und kleinen Züchtern wurde nach langjährigem Druck endlich der Grautiger von einer „disqualifzierenden“ zu einer „unerwünschten“ Farbe im FCI-Standard der Deutschen Dogge geändert, so dass seit dem 01.01.2014 offiziell mit ihnen gezüchtet werden darf. (In Ländern wie der Schweiz und Frankreich war dies auch vorher schon möglich). Nachdem die ersten Grautiger auch auf Ausstellungen gezeigt wurden und sogar Championtitel erhielten schritt der DDC ein und verfasste umgehend ein FCI-Zirkular, dass es den Richtern verbot, auf Ausstellungen einer grau-schwarz-gefleckten Dogge die höchste Formwertnote zu geben (zum Glück halten sich nicht alle Richter daran). In den Köpfen vieler (Alt-)Züchter und Vereinsfunktionäre sind Grautiger immer noch Doggen zweiter Klasse und es gibt sogar immer noch Züchter, die Grautiger töten, und Zuchtwarte, die dieses Vorgehen empfehlen.

 

 Jättiläisen Gaia, eine Mantel-Grautiger Hündin

 

Als ich nach einer Zuchthündin gesucht habe, habe ich mich nicht gezielt nach einem Grautiger umgesehen. Es hat sich einfach so ergeben, dass in Gaias Wurf nur eine weiß-schwarz gefleckte Hündin war, die die Züchterin behalten wollte. Sie hat noch zwei schwarze Schwestern, aber die Farbe finde ich eher langweilig, und eine komplett graue Schwester. Die Farbe Mantel-Grautiger (hier kommt dann noch das Piebald- bzw- Mantel-Gen ins Spiel, das für große weiße Abzeichen sorgt) hat mir schon immer gut gefallen, und so habe ich mich für Gaia entschieden. Zumal mir Ausstellungen eh unwichtig sind. (Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig es wird, für Gaia die Zuchtzulassung zu bekommen hätte ich mich doch eher für eine der schwarzen Schwestern entschieden 😉 ) Aufgrund der Abwertung von Grautigern bei Ausstellungen, aber auch bei der Zuchtzulassung trauen sich viele Züchter noch nicht, grau-schwarz gefleckte Doggen für die Weiterzucht zu behalten. So ist Gaia erst der dritte Grautiger im DDC, der die Zuchtzulassung erhalten hat! Und das war ein harter Kampf, sie hat ihre ZZL erst beim zweiten Anlauf erhalten (wobei die Farbe nicht der einzige Grund dafür war, das andere Ende der Leine dürfte auch eine entscheidende Rolle gespielt haben 😉 ). Für die Farbe hat sie ganze 12 Punkte Abzug bekommen, das sind so viele Punkte wie eine Dogge insgesamt für das Wesen bei der ZZL erhalten kann (von insgesamt 310 Punkten!). Dies zeigt auch deutlich die Prioritäten: Äußerlichkeiten sind immer noch viel wichtiger in der „altmodischen“ Rassehundezucht als das Wesen und die Gesundheit. Aufgrund von Gaias Mantelfärbung wurden noch mehr Punkte abgezogen als ihr durch ihre „unerwünschte“ graue Farbe eh schon genommen wurden. Dies ist absurd, denn bei den weiß-schwarz-gefleckten Doggen sind eine weiße Brust, weiße Vorderbeine und ein weißer Hals erwünscht und wird auf Ausstellungen nach vorne gestellt (obwohl dies dem Standard widerspricht, der über den ganzen Körper gleichmäßig verteilte schwarze Flecken fordert). Sie tragen ebenfalls das Mantel- bzw Piebald-Gen, nur ist es nicht direkt sichtbar aufgrund der weißen Grundfarbe. Und auch bei den schwarzen Doggen ist die Mantelfärbung erlaubt und führt nur zu einem geringen Punktabzug bei der ZZL. Dies ist auch im Zuchtrichter-Leitfaden zu sehen, den der DDC 2011 herausgebracht hat:

 aus dem Zuchtrichter-Leitfaden des DDC, die Farbe Grautiger „existierte“ damals noch nicht

Im aktuellen EUDDC-Zuchtzulassungsbogen existiert die Farbe Mantel-Grautiger (und Mantel-Platten) nicht einmal. Dies zeigt, dass die genetischen Grundregeln leider an den entscheidenden Stellen immer noch nicht beherrscht werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Blockade-Politik des DDC gegenüber der Bewertung von Grautigern auf Ausstellungen in nicht allzu ferner Zukunft ändert und die Hundezüchter endlich das begreifen, was die Pferdezüchter schon lange wissen:

Ein gutes Pferd hat keine Farbe. Ein guter Hund auch nicht! 

 

Weitere Informationen zum Thema Farbgenetik sind hier zu finden: www.doggen.info